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Lieder und Hymnen der
Sozialdemokraten
Lieder und Gedichte spielten (!) in
der Kultur der Sozialdemokraten eine wichtige Rolle. In
ihren politischen Versammlungen erklangen ab 1860 immer
häufiger Lieder, die bald den Status von Hymnen
einnahmen.
Entstehungsjahr des deutschen
Textes:
1863 Bundeslied
(Bet und arbeit! ruft die Welt)
1864 Lied der
deutschen Arbeiter - Arbeitermarseillaise (Wohlan, wer Recht
und Wahrheit achtet)
1871
Arbeiter-Feldgeschrei (Es tönt ein Ruf von Land zu
Land)
1910 Die
Internationale (Wacht auf, Verdammte dieser
Erde!)
1915 Arbeiterhymne
(Wann wir schreiten Seit an Seit)
1918 Brüder,
zur Sonne, zur Freiheit!
Diese Hymnen wurden zum Abschluss der
Versammlungen oder bei Auseinandersetzungen mit dem
politischen Gegner gesungen, um die Einheit der Partei nach
innen zu festigen und sie nach aussen zu demonstrieren. In
besonderer Weise bot sich die "Arbeitermarseillaise" dazu
an. Weil ausnahmsweise die Melodie von keiner anderen
politischen Gruppierung benutzt wurde; konnte sie in
Deutschland zum musikalischen > Logo der
sozialdemokratischen Bewegung werden. Bereits 1864 wurde
deshalb das "Bundeslied" durch die "Arbeitermarseillaise"
ersetzt. Die Parteihymne ertönte nun bei allen
öffentlichen Auftritten und Demonstrationen aus den
Kehlen der Sozialdemokraten. Gerade der gemeinsame Gesang
dieses Liedes diente nicht nur als kämpferisches
Identifikationsmittel, sondern in kritischen Augenblicken
auch zur Kanalisierung widerstreitender Emotionen wie
Empörung, Wut, Stolz und Angst.
Ab 1860 wurden zahlreiche
Arbeiter-Gesangsvereine gegründet. Besondere Bedeutung
erhielten diese Vereine 1878 bis 1890, während des
Verbots politischer Arbeiterorganisationen. Aber auch das
Singen von Liedern konnte zur Verhaftung führen! Vor
dem Berliner Kammergericht musste sich 1874 der Redakteur K.
Becker verantworten, der durch die Veröffentlichung der
"Deutschen Arbeitermarseillaise" in der Zeitung
"Socialdemokrat" die Bevölkerung zu Gewalttaten
aufgereizt haben sollte. -1896 sang der Dreher Horsch zum
Spiel des Leierkastens ein sozialdemokratisches Lied und
verkaufte den gedruckten Text. Es gefiel dem
Drehorgelspieler Begseck, und er schickte den Schankwirt
Buchwald, ihm das Lied zu besorgen. Alle drei wurden
angeklagt: Horsch wegen Aufreizung zur Gewalttat, die
anderen beiden wegen Beihilfe. Die Verhandlung fand wegen
des Inhalts des Liedes unter Ausschluss der
Öffentlichkeit statt." - 1910 wurde das Bundeslied vom
Landgericht Berlin verboten.
http://library.fes.de/fulltext/historiker/01141006.htm
http://www.sterneck.net/musik/widerstand/
Bundeslied
Text: Georg Herwegh 1864 (für
den neuen > Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein)
Melodie: Meistens nach dem
"Schleswig-Holstein-Lied" von Carl Gottlieb Bellmann
1844
1. Bet und arbeit! ruft die Welt.
Bete kurz, denn Zeit ist
Geld!
An die Türe pocht die
Not.
Bete kurz, denn Zeit ist Brot!
2. Und du ackerst, und du säst,
Und du nietest und du
nähst.
Und du hämmerst, und du
spinnst,
Sag, o Volk, was du gewinnst?
3. Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
Schürfst im Erz- und
Kohlenschacht,
Füllst des Überflusses
Horn,
Füllst es hoch mit Wein und
Korn.
4. Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein
Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer
Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert?
5. Alles ist dein Werk! O sprich:
Alles, aber nichts für
dich!
Und von allem nur allein,
Die du schmiedst die Kette dein!
6. Kette, die den Leib umstrickt,
Die dem Geist die Flügel
knickt,
Die am Fuss des Kindes
schon
Klirrt - o Volk, das ist dein
Lohn.
7. Deiner Dränger Schar erblasst,
Wenn du, müde deiner
Last,
In die Ecke lehnst den
Pflug,
Wenn du rufst: "Es ist genug!"
8. Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Not der
Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der
Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit
Brot.
Georg Herwegh (1817 bis 1875) schrieb
politische Gedichte, Erzählungen und Romane. 1848
führte er eine Gruppe Deutscher von Frankreich nach
Baden, um dort für die Revolution zu kämpfen. Nach
der Niederlage der Radikaldemokraten floh er in die Schweiz.
In Liestal erinnert ein Denkmal an den berühmten
Flüchtling.
Lied der deutschen Arbeiter
(Arbeitermarseillaise)
Text: Jacob Audorf 1864 (für
die Totenfeier von Ferdinand > Lassalle)
Melodie: Nach der Marseillaise
1792
Wohlan, wer Recht und Wahrheit achtet,
Zu unsrer Fahne steht zu
Hauf!
Wenn auch die Lüg uns noch
umnachtet,
Bald steigt der Morgenhell
herauf!
Ein schwerer Kampf ist's, den wir
wagen,
Zahllos ist unsrer Feinde
Schar,
Doch, ob wie Flammen die
Gefahr
Mög über uns
zusammenschlagen,
Nicht zählen wir den
Feind,
Nicht die Gefahren all.
Der kühnen Bahn nur folgen
wir,
Die uns geführt Lassalle!
Der Feind, den wir am tiefsten hassen,
Der uns umlagert schwarz und
dicht,
Das ist der Unverstand der
Massen,
Den nur des Geistes Schwert
durchbricht.
Ist erst dies Bollwerk
überstiegen,
Wer will uns dann noch
widerstehn?
Dann werden bald auf allen
Höhn
Der wahren Freiheit Banner
fliegen!
Nicht zählen wir den
Feind,
Nicht die Gefahren all.
Der kühnen Bahn nur folgen
wir,
Die uns geführt Lassalle.
Das freie Wahlrecht ist das Zeichen,
In dem wir siegen, nun
wohlan,
Nicht predigen wir Hass den
Reichen,
Nur gleiches Recht für
jedermann.
Die Lieb soll uns
zusammenketten,
Wir strecken aus die
Bruderhand,
Aus geistger Schmach das
Vaterland,
Das Volk vom Elend zu
erretten.
Nicht zählen wir den
Feind,
Nicht die Gefahren all.
Der kühnen Bahn nur folgen
wir,
Die uns geführt Lassalle.
Von uns wird einst die Nachwelt zeugen.
Schon blickt auf uns die
Gegenwart.
Frisch auf, beginnen wir den
Reigen!
Ist auch der Boden rau und
hart.
Schliesst die Phalanx in dichten
Reihen,
Je höher uns umrauscht die
Flut,
Je mehr mit der Begeistrung
Glut
Dem heilgen Kampfe uns zu
weihen!
Nicht zählen wir den
Feind,
Nicht die Gefahren all.
Der kühnen Bahn nur folgen
wir,
Die uns geführt Lassalle.
Auf denn, Gesinnungskameraden,
Bekräftigt heut aufs neu den
Bund,
Dass nicht die grünen
Hoffnungssaaten
Gehn vor dem Erntefest zu
Grund.
Ist auch der Säemann
gefallen,
In guten Boden fiel die
Saat.
Uns aber bleibt die kühne
Tat,
Heilges Vermächtnis sei sie
allen!
Nicht zählen wir den
Feind,
Nicht die Gefahren all.
Der kühnen Bahn nur folgen
wir,
Die uns geführt Lassalle.
Jakob Audorf (1835-1898) war Maschinenbauer; führend
tätig in dem von Lassalle 1863 gegründeten
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, später
Journalist.
Arbeiter-Feldgeschrei
Text: Hermann Greulich
1871
Melodie: Nach "Wacht am Rhein" von
Max Schneckenburger 1840
1. Es tönt ein Ruf von Land zu Land:
Ihr Armen, reichet euch die Hand!
Und ruft ein Halt der Tyrannei,
Und brecht das Sklavenjoch entzwei!
Es wirbelt dumpf das Aufgebot,
Es flattert hoch die Fahne rot:
Arbeitend leben oder kämpfend in
den Tod!
2. Wir haben lang genug geharrt,
Man hat uns lang genug genarrt,
Jetzt greifen wir zu unsrem Recht,
Jetzt stellen wir uns zum Gefecht.
Es wirbelt ...
3. Wir wollen Friede, Freiheit, Recht,
Dass keiner sei des andern Knecht,
Dass Arbeit aller Menschen Pflicht,
Dass keinem es an Brot gebricht.
Es wirbelt
4. Steig an die frische Luft heraus
Aus niedrer Hütte, dumpfem
Haus!
Steig auf das Pflaster, blasse Not!
Und kämpfe um dein täglich
Brot.
Es wirbelt
5. Du schaffst für andere Gut und Geld,
Und bist doch stets auf Nichts
gestellt,
Man lacht dir höhnend ins Gesicht
Und fürchtet nicht das
Strafgericht.
Es wirbelt
6. Heran, heran, du kühne Schar!
Es bläst der Sturm, es fliegt das
Haar,
Ein Ruf aus tausend Kehlen braust,
Zum Himmel hoch ballt sich die
Faust.
Es wirbelt
Hermann Greulich (1842 bis 1925) stammte aus Deutschland.
Unter seiner Leitung wurde 1870 die Sozialdemokratische
Partei der Schweiz gegründet. Sein Liedtext wurde 1872
in "Gedichte und Lieder freisinniger und besonders
social-demokratischer Tendenz" publiziert.
Die Internationale
Text: Eugène Pottier 1871,
deutsche Nachdichtung: Emil Luckhardt 1910
Melodie: Pierre Degeyter 1888
1. Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
Die stets man noch zum Hungern
zwingt!
Das Recht, wie Glut im
Kraterherde,
Nun mit Macht zum Durchbruch
dringt.
Reinen Tisch macht mit dem
Bedränger!
Heer der Sklaven, wache
auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht
länger!
Alles zu werden, strömt zu
Hauf!
|: Völker hört die
Signale!
Auf, zum letzten Gefecht!
Die Internationale
Erkämpft das Menschenrecht!
:|
2. Es rettet uns kein höhres Wesen,
Kein Gott, kein Kaiser noch
Tribun.
Uns aus dem Elend zu
erlösen,
Können wir nur selber
tun.
Leeres Wort, des Armen
Rechte!
Leeres Wort, des Reichen
Pflicht!
Unmündig nennt man euch und
Knechte.
Duldet die Schmach nun länger
nicht!
|: Völker hört die
Signale!
Auf, zum letzten Gefecht!
Die Internationale
Erkämpft das Menschenrecht!
:|
3. Gewölbe fest und stark bewehret,
Die bergen, was man euch
entzog.
Dort liegt das Gut, das dir
gehöret
Und um das man dich betrog.
Ausgebeutet bist du
'worden,
Ausgesogen bis aufs Mark!
Auf Erden rings, in Süd und
Norden
Das Recht ist schwach, die
Willkür stark.
|: Völker hört die
Signale!
Auf, zum letzten Gefecht!
Die Internationale
Erkämpft das Menschenrecht! :
4. In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute,
Wir sind die stärkste der
Partein.
Die Müssiggänger schiebt
beiseite,
Diese Welt soll unser sein!
Unser Blut sei nicht der
Raben
Und der mächtgen Geier
Frass.
Erst wenn wir sie vertrieben
haben,
Dann scheint die Sonn ohn
Unterlass.
|: Völker hört die
Signale!
Auf, zum letzten Gefecht!
Die Internationale
Erkämpft das Menschenrecht!
:|
Die Internationale entstand 1871 in
Frankreich. Sie war das Lied der Pariser Kommune. Der Text
ist dem "Bürger Gustave Lefrançais, Mitglied der
Kommune" gewidmet, der als Sozialist 1851 Berufsverbot als
Lehrer erhalten hatte.
Eugène Pottier lebte von 1816
bis 1887. 1830 stand er mit 14 Jahren auf den Barrikaden.
Pottier war Sohn eines Kistenmachers. Er arbeitete als
Packer, Dekorationsmaler und Stoffmusterzeichner und war
erfolgreich als Chansonnier und Verfasser von Liedern. Nach
der niedergeschlagenen Revolution von 1848 arbeitete er in
Gewerkschaften und war Mitglied der 1. Internationalen. 1871
wurde er in den Kommunerat gewählt. Nach dem Scheitern
der Pariser Kommune floh Pottier zunächst ins Ausland,
kehrte jedoch 1880 nach Paris zurück und
unterstützte den Aufbau der Arbeiterpartei.
Pierre Degeyter war ein
französischer Komponist und Chordirigent.
Arbeiterhymne
Text: Hermann Claudius
1915
Melodie: Micheal Englert 1916
1. Wann wir schreiten Seit an Seit
Und die alten Lieder
singen,
Und die Wälder
widerklingen,
Fühlen wir, es muss
gelingen
|: Mit uns zieht die neue Zeit! :|
2. Eine Woche Hammerschlag,
Eine Woche
Häuserquadern
Zittern noch in unsern
Adern.
Aber keiner wagt zu hadern.
|: Herrlich lacht der Sonnentag.
:|
3. Birkengrün und Saatengrün:
Wie mit bittender
Gebärde
Hält die alte Mutter
Erde,
Dass der Mensch ihr eigen
werde,
|: Ihm die vollen Hände hin.
:|
4. Wort und Lied und Blick und Schritt,
Wie in uralt ewgen Tagen
Wollen sie
zusammenschlagen.
Ihre starken Arme tragen
|: Unsre Seelen fröhlich mit.
:|
5. Mann und Weib und Weib und Mann
Sind nicht Wasser mehr und
Feuer.
Um die Leiber legt ein
neuer
Frieden sich, wir blicken
freier
|: Mann und Weib, uns fürder an.
:|
6. Wann wir schreiten Seit an Seit
Und die alten Lieder singen
Und die Wälder
widerklingen,
Fühlen wir, es muss
gelingen:
|: Mit uns zieht die neue Zeit! :|
Es ist anzunehmen, dass dieses Lied in einem
Arbeiter-Wanderverein entstanden ist. In der Weimarer
Republik wurde es dann auch vom Reichsbanner
Schwarz-Rot-Gold gesungen. Die SPD sang die Arbeiterhymne
bis 1998 zum Abschluss der Bundesparteitage. Verliefen diese
kontrovers, titelte die Presse gerne mit "Wenn wir streiten
Seit an Seit".
Hermann Claudius lebte von 1878 bis
1980. Als Urenkel von Matthias Claudius ("Der Mond ist
aufgegangen") fühlte er sich zum Liederdichter berufen.
Als junger Hamburger Lehrer war er Aktivist in der deutschen
Jugendbewegung. Zuerst stellte er seine ergreifende
Einfachheit und sein Pathos in den Dienst der
Arbeiterbewegung, später reimte er ebenso eifrig
für die Nationalsozialisten ("Herrgott, steh dem
Führer bei!").
Brüder, zur Sonne, zur
Freiheit!
Text: Leonid Petrowitsch Radin
1897, Nachdichtung: Hermann Scherchen 1918
Melodie: Russische Volksweise
1. Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Brüder zum
Lichte empor!
Hell aus dem dunklen Vergangnen
leuchtet die Zukunft hervor.
2. Seht nur den Zug der Millionen endlos aus Nächtigem
quillt,
Bis eurer Sehnsucht Verlangen Himmel
und Nacht überschwillt!
3. Brüder, in eins nun die Hände! Brüder, das
Sterben verlacht!
Ewig der Knechtschaft ein Ende, heilig
die letzte Schlacht!
4. Brechet das Joch der Tyrannen, die uns so grausam
gequält!
Schwenket die blutrote Fahne über
die Arbeiterwelt!
Der junge Revolutionär Leonid Petrowitsch Radin schrieb
den Text des Liedes 1897 in einer Moskauer Kerkerzelle. Das
Gedicht erlangte in den russischen Revolutionen von 1905 und
1917 grosse Bedeutung. Ein deutscher Kriegsgefangener, der
Dirigent Hermann Scherchen, brachte es nach dem 1. Weltkrieg
aus Russland nach Deutschland. 1920 hörte man in Berlin
eine Fassung mit drei Strophen. In der Weimarer Republik
wurde auch die vierte Strophe gesungen, die Kommunisten
fügten noch eine fünfte an. Nach dem 2. Weltkrieg
waren die ersten drei Strophen das am meisten gesungene Lied
der deutschen Sozialdemokraten.
Der Dirigent Hermann Scherchen lebte
von 1891 bis 1966. 1914 bis 1918 verbrachte er in einem
sowjetischen Internierungslager im Ural. Die Revolution in
Russland war für Scherchen das Ereignis seines Lebens.
1933 verliess Scherchen Deutschland. 1945 wurde er
musikalischer Leiter bei Radio Beromünster in der
Schweiz und Chefdirigent des Studio-Orchesters.
"Brüder, zur Sonne, zur
Freiheit!" wird zum Abschluss der Parteitage der
Sozialdemokratischen Partei der Schweiz gesungen.
http://rainer.liewer.bei.t-online.de/arbeiterlieder.htm
http://viadrina.euv-frankfurt-o.de/~juso-hsg/lieder/
© Rolf
Oberhänsli
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